Friedrich August-Hütte -
Plattkofelhütte -
Tierser Alpl-Hütte -
Grasleitenpass -
Vajoletthütte
(i) Ein schöner Tag mit Fritz
Wieder eine Nacht durchgeschlafen, das scheint zur Gewohnheit zu werden. Wir verzichten
wiederum auf das Hüttenfrühstück und wollen es uns erst einmal durch etwas Almenbummeln
verdienen.
Das Wetter hat sich beruhigt, die Sonne leuchtet erstarkt vom Himmel,
an dem sich noch die Wolkenfetzen tummeln, welche vom gestrigen Gewitter übrig
geblieben sind. Im frischen feuchten Morgenlicht präsentiert sich die Gegend in malerischen
Farben. Wir liegen zu Füßen des gewaltigen
Langkofelmassivs, unter dessen Felskante wir heute einen beträchtlichen Teil unseres
Weges in Richtung Westen zurücklegen werden. Wenigstens bis zur Tierser Alpl-Hütte wollen
wir im Laufe des Tages vordringen, ein weiter Weg, von dem man uns jedoch versichert hat,
daß er sehr einfach und daher hurtig zu begehen sei.
Das Radio verspricht passables und leicht
föhniges Wetter, das dürfte ein reiner Sonntagsspaziergang werden. Wir vertrauen
uns dem Friedrich August-Weg an, den ich im weiteren der Kürze halber Fritz nennen
möchte.
(ii) Immer den Langkofel entlang
Ohne großartige Höhenschwankungen verläuft der Fritz am Südhang des
Langkofel und oberhalb des Fassatales (Val di Fassa). Obwohl wir uns noch immer über der
Baumgrenze befinden, die in den Dolomiten bei etwa 2000m liegt, ist
der Südhang zumindest fleißig mit Gras bewachsen und nur gelegentlich steht nacktes
Gestein an. Nach den hochalpinen Erlebnissen der beiden letzten Tage wiederum
eine völlig andere Erfahrung für uns. Nirgends wirkt
der Kontrast zwischen den sanften grünen Hügeln und den aus ihnen herausschießenden
bleichen kantigen Felsbrocken krasser als beim Langkofel. Dieser Kontrast ist es, der
den wahren Reiz der Dolomitenlandschaft ausmacht. Es übersteigt jegliche menschliche
Phantasie, sich vorzustellen, daß diese kalkigen Klötze einst Korallenriffe in einem
triassischen Flachmeer waren, die versteinerten und endlich nach Hebung der Alpen
durch die
Erosion wieder aus dem einstigen Uferschlamm herausgemeißelt wurden. Wir
wandeln auf 200 Millionen Jahren abwechslungsreicher Erdgeschichte.
Bald sind wir weit genug um den Col Rodela herumgelatscht, daß wir endlich doch noch
zu unserem Marmolada-Anblick kommen. Der flache vergletscherte Nordhang schiebt sich
gerade erkennbar durch den Dunst hervor. Ein Gipfelkreuz ist auch im Fernglas nicht
auszumachen, der eigentliche Gipfel muß noch weiter hinten liegen. Wie zum Hohn
besteht der höchste Dolomitengipfel nicht aus Dolomit, sondern aus ordinärem Kalkstein,
wie man ihn in jedem Kochtopf findet.
Wir entdecken einige Murmeltiere, soll heißen, das Falkenauge Michael entdeckt sie,
deutet drauf und mit etwas Glück erkenne ich dann auch noch das ein oder andere
Pelzknäuel, kurz bevor es in seine Höhle entschwindet. Oberhalb einer solchen Höhle
werfen wir unser verdientes Frühstück ein. Unsere Brote sind derweil eine knappe
Woche alt und nicht mehr genießbar, so opfern wir sie denn den Murmeltieren. Was
bleibt, sind ein paar Zentimeter Salami und die Hoffnung auf ein üppiges Schnitzel
zum Abendessen.
Bald durchqueren wir die kleine Senke, in der die Sandro Pertini-Hütte liegt und marschieren
unterhalb des Plattkofels weiter bis zur Plattkofelhütte (2300m). Hier herrscht plötzlich
hektische Betriebsamkeit, eine große Gruppe von Langschläfern macht sich von der Hütte
aus auf den Weg zum Gipfel. Der Plattkofel (2985m) ist der einzige Gipfel der
Langkofelgruppe, der ohne Lebensgefahr begehbar ist. Die berühmten Spitzen
Langkofel, Fünffinger und Grohmann sind ein Fall für echte Bergsteiger.
Von Südwesten
aus gesehen macht der Plattkofel seinem Namen alle Ehre, er wirkt wie eine riesige, sanft
himmelwärts geneigte Rampe. Auf der entgegengesetzten Seite führt der steile
Oskar Schuster-Steig hinunter in den Langkofelkar, den auch wir ursprünglich durchqueren
wollten. Dann wären uns allerdings die vielen Kühe entgangen, die nun hinter dem
Fassajoch unseren Weg säumen.
(iii) Das Auge ißt mit
Die Szenerie wird nun richtig kitschig und postkartig, über Blumenwiesen schlängelt
sich der Weg nach Westen, den Blick zur Linken auf das Fassamassiv,
zur Rechten auf die Seiser Alm, der größten Alm der
Alpen und zusammen mit dem Schlern der wohl bekannteste Naturpark der Dolomiten.
Hier kommen Heidifans voll auf ihre Kosten. So treffen wir immer mehr Wanderer, als wir
schließlich hinter dem Mahlknechtjoch den Senioren-Highway betreten, der an den Roßzähnen
vorbei urplötzlich steil ansteigend zur Tierser Alpl-Hütte mit dem feuerroten Dach
hinaufführt.
Nach einigen Minuten furchtbarer, weil unvermuteter Anstrengung sitzen wir oben zu Tisch
und lassen
uns von einer schnuckeligen bayerischen Blondine einen kleinen Mittagshappen servieren.
Heute sind wir erstaunlicherweise einmal schneller vorangekommen als erwartet.
Blondine hin oder her, eigentlich haben wir keine Lust, den gesamten Nachmittag
in der Hütte herumzulungern. Die Sonne hat sich mittlerweile wieder rar gemacht und zum
Draußensitzen ist es viel zu kalt. Also beschließen wir, heute noch in den Rosengarten
vorzustoßen. Nachdem wir unsere Trinkflaschen mit sündhaft teurem Tafelwasser gefüllt
haben, folgen wir dem Weg mit der Nummer 3a nach Süden.
(iv) Der Rosengarten voller Dornen
Schnell kommt wieder
hochalpines Feeling auf, als wir uns über den teils drahtseilgesicherten Pfad nach oben
arbeiten. Über das anschließende wüste Plateau marschierend fühlen wir uns endlich
wieder heimisch. Bei Erreichen des Mahlknecht-Passes (2604m) stockt uns der Atem: zu unseren
Füßen gähnt ein gigantischer Kessel, über und über angefüllt mit Geröll. Vis a vis
liegt der Grasleitenpass auf etwa gleicher Höhe. Doch bis dahin wird es ein
quälendes Stück Weg, das läßt sich jetzt schon abschätzen, denn der Pfad windet sich
zunächst einmal beinahe bis zum Grund des Trichters hinunter, um dann wieder anzusteigen.
Die Bergwanderei stellt im allgemeinen eine reichlich sinnlose Verschwendung von
potentieller Energie dar, das wird uns hier so richtig bewußt.
Ein nicht mehr ganz taufrischer Tiroler Alpenhaudegen, der mit seiner Mütze ausschaut
wie der Nikolaus,
und seine Begleitung machen uns vor, wie man eine Schotterpiste am effizientesten
hinabsteigt. Mit Hilfe ihrer Stöcke stiefeln sie ohne Rücksicht auf Verluste schnurstracks
auf dem kürzesten Weg den Hang hinunter, wobei sie kleine Lawinen lostreten, die ihre
Fahrt zusätzlich beschleunigen. In einer Zigarettenlänge sind sie unten.
Riskant und doch irgendwie elegant. So machen wir das aber nicht.
Wir folgen den offiziellen Trittspuren durch die ungezählten Kehren. Eine knochenpeinigende
Angelegenheit. Unser erster größerer Abstieg seit dem Grödner Joch vor zwei Tagen und bald
schon jammern die Knieschneiben. Inspiriert durch den Nikolaus beginne ich zu rennen.
Dann ist der Schmerz schneller wieder vorbei, denke ich mir. Das geht herrlich flott,
wenn man den Boden kaum berührt und der lahme Michael ist schon bald weit hinter mir.
Aber aufgepaßt, liebe Kinder, macht das nicht zu Hause nach!
Unten angekommen erhalte ich den Lohn für meinen jugendlichen Leichtsinn: die
alten Scharniere schmerzen und quietschen jetzt erst richtig vehement. Das war mehr als
dumm und könnte sich noch als fatal erweisen.
Wir müssen nicht gänzlich bis zur Sohle hinunter. Dort zweigt zwar ein Weg ab,
der aber führt gen Westen zur Grasleitenhütte. Unser Pfad windet sich am östlichen
Rand entlang. Das Geröll ist sehr
viel grober als beim Abstieg und sobald es kurzfristig abwärts durch eine
der tiefen Regenrinnen
geht, wird der Schmerz unerträglich. Bald jedoch steigt der Pfad
wieder steil an und ohne jegliches Zeitgefühl quälen wir uns langsam und mühsam hinauf
zum Pass. Ein kleiner Trost: bergauf ist der Nikolaus auch nicht schneller als wir.
Hier steht die Grasleitenpass-Hütte (2599m), ein luxuriöser Fahrradschuppen, in dem
wahrscheinlich nur Hardliner und Gewitteropfer freiwillig übernachten. Der Hüttenwirt ist
ein Motorrad Offroad-Champion, wie er gerne beweist, indem er mehrmals die Strecke
in Richtung Vajoletthütte hoch- und runterjagt. Die letzten Meter zur ersehnten
Vajoletthütte sind normalerweise nicht besonders anspruchsvoll zu gehen, in Anbetracht der
250Hm Differenz und meiner Anamnese ziehen sie sich aber wie Latex in die Länge. Wir
haben es nicht eilig, die Sonne gibt wieder gelegentliche Intermezzi und wir senken unseren
Kilometerschnitt durch viele kleine Humpelpausen.
(v) Vajolettparty
Welch ein Schauer des Glücks mich durchzieht, als die Vajoletthütte endlich vor uns liegt.
Direkt neben der Preußhütte auf
einem kleinen Absatz in einer malerischen Schlucht, dem Vajolettal, gelegen. Das Tal wird
von einem etwas fiesfarbigen gelben Bächlein durchströmt, aus dem ich nicht einmal dann
trinken würde, wenn die Alternative Toilettenschüssel hieße. Doch vermutlich befördert
er ganz unschuldig nur irgendwelche Sedimente in Richtung Adria.
Die Hütte ist groß mit vielen Betten, wir
ergattern ein Doppelzimmer. Leider hat es nur eine Bettpfanne, da wird es heute Nacht
möglicherweise zu Verteilungskämpfen kommen.
Hier herrscht ungewohnt viel Betrieb und Lärm, viele Gäste und vor allem eine
italienische Schulklasse sorgen für eine unerwartete Atmosphäre. Wir sitzen gemeinsam
mit zwei nicht schwindelfreien englischen Sozialarbeitern und zwei
klettersteigverrückten Lehrerinnen am Tisch und lassen uns das Wiener Schnitzel mit
Pommes schmecken. Draußen toben die Ragazzi jedesmal, wenn Holland einen Elfmeter
verschießt und drinnen runden die jungen italienischen Kellnerinnen die Partystimmung
perfekt ab. Meine Schmerzen lassen nach der ersten Buddel Vino Rosso bald
nach. Für heute.